Dienstag, 23. Januar 2018
Liebe Grüße von den Kollegen
Bei seinem Besuch hatte Luigi noch erwähnt, dass die Kollegen Hein und Lothar mir ebenfalls einen Besuch abstatten wollten. Holla, dachte ich: Hein macht Personalplanung und Lothar, sein Bruder, ist gleichzeitig Ziehsohn unseres allmächtigen Chefs.

Hein kommt nicht hierher, um sich nur nach meinem Befinden zu erkundigen. Er wird wissen wollen, wie es mit mir weitergeht. Ob sein Bruder Lothar als Zeuge mitkommt... Oder bin ich zu misstrauisch?

Ich kann Besuch aus der Firma so ab zehn nach vier erwarten. Um diese Zeit war ich heute im Obergeschoss. Vom Fenster aus sah ich, dass Walter Sch. vorfuhr und etwas in unseren Briefkasten legte. Schade, dachte ich, er hätte gerne an der Tür klingeln können. Ich sehe ja nicht mehr abstoßend aus.

Wenig später holte ich die Postwurfsendung ins Haus. Eine Genesungskarte von meinem Kollegen Christoph Meier, gut gemeint. Er lässt von Kollegen seiner Abteilung grüßen und von den Kollegen unseres Kunden Graas. Sehr merkwürdig. Außer Christoph hat niemand unterschrieben. Johanna hatte den Brief geöffnet und mir vorgelesen, daran geschnüffelt und bemerkt, "riecht nach Rauch". Schade. Ich bin so misstrauisch, dass mir sonnenklar ist: da schleimt sich Einer an. Die Kollegen wissen nichts von der Karte. Christoph erklärt sich in meiner Abwesenheit gerne selbst zum wichtigsten Ansprechpartner für Firma Graas. Wir lassen ihn in dem Glauben, bis mal wieder eine kleine Entscheidung zu treffen ist: entweder er versucht diese auf einen Kollegen abzuwälzen oder er nervt den Kunden mit Kleinigkeiten.

Ich halte es da mit Wilhelm Busch - der mahnte schon vor über 100 Jahren, dass es zwecklos sei, sich über Kleinigkeiten aufzuregen.

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Wieder zuhause
Nach einer Woche in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie durfte ich zwischen Weihnachten und Neujahr nach Hause.

Freunde kündigten ihren Besuch an. Ich ließ einen engen Kreis zu, dem ich meinen Anblick zumuten konnte. Nicht jeder und jedem wollte ich so unter die Augen treten. Dabei musste ich lernen, dass diese Besuche nicht nur an meinen Kräften zehrten. Mein Gesicht schwoll wieder stärker an, weil ich am Tisch nicht mehr dazu kam, den Eisbeutel ins Gesicht zu drücken.

Ähnlich verhielt es sich an den Tagen, an denen wir im Restaurant essen gingen oder an denen wir bei unseren Freunden waren, um bei den Hausaufgaben zu helfen.

Kurz nach meiner Rückkehr kam mein Kollege Luigi zu Besuch. Er hielt allerdings meinem Anblick nicht stand. Er konnte mich nicht ansehen; die Schilderung meines Unfalls löste Zweifel bei ihm aus: warum hatte ich keine Abwehrbewegungen mit den Armen gemacht, die meine schweren Verletzungen vermieden hätten? Mit Brille und Mütze verbarg ich die schlimmsten Einzelheiten und doch merkte ich, dass Luigi einige Zeit brauchen würde, bis ihm das Essen wieder schmeckte.

Erst nach ungefähr zwei Wochen konnte ich keine weitere Verbesserung mehr feststellen, ob ich nun kühlte oder nicht. In dieser Zeit kündigte auch mein Kollege Luigi an, mich wieder besuchen zu wollen.

Mittlerweile sah ich einigermaßen erträglich aus. Die Nähte im Gesicht waren verheilt, die Mütze und die Brille taten, wie zuvor, das Übrige. Lediglich die Asymmetrie meines Gesichts fiel weiterhin auf.

Ich habe Luigi erklärt, dass es in der Nacht vor der OP absolut nichts gab, was zwischen mir und irgend einem Menschen gestanden hätte. Ich war in jener Nacht mit mir und der Welt im Reinen. Nichts lenkte meine Gedanken von mir selbst und meinem Willen zum Gesundwerden (Genesung) ab. Ich hatte auch keine Angst vor dem Sterben, der letzten Option.

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Freitag, 12. Januar 2018
Die Nacht nach der OP
Nach der Operation von Jochbein- und Nasenbeinbruch.

Ich liege auf meinem Bett im zugigen Überwachungsraum. Der Pfleger, der dem Amerikaner in „Gorki Park“ ähnelt (und mir daher sympathisch erschien), tritt an mein Bett und fragt mich, ob ihn sehen kann. Ich bejahe, während er nach meinem verletzten Auge greift, um das Lid hochzuziehen.

„Was sehen Sie?“ schnauzt er. Ich zähle schell auf: die Schiene an der Decke, den Ventilator, Sie, Ihr blondes Haar, vier Finger und... Er hält noch etwas in der Hand, das ich nicht erkennen kann (seine kleine Taschenlampe, mit der er mir ins Auge geleuchtet hat).

„Ist gut, das reicht“, brummt der Amerikaner, notiert mein Sehvermögen im Protokoll und wendet sich ab.

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